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David Cameron
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David William Donald Cameron, Baron Cameron of Chipping Nortoncite-ref-tlg-1-0[1]cite-ref-2[2] PC (* 9. Oktober 1966 in London) ist ein britischer Politiker. Er war vom 11. Mai 2010 bis zum 13. Juli 2016 Premierminister des Vereinigten Königreichs und von 2005 bis 2016 ParteifĂŒhrer der Conservative Party. Cameron war Initiator des Referendums ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit Schottlands sowie des Brexit-Referendums. Nach der Entscheidung der britischen WĂ€hler fĂŒr den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EuropĂ€ischen Union trat er zurĂŒck. Seine Nachfolgerin im Amt des Premierministers wurde am 13. Juli 2016 Innenministerin Theresa May. Vom 3. November 2023 bis 5. Juli 2024 kehrte er als AuĂenminister im Kabinett von Rishi Sunak vorĂŒbergehend in die aktive Politik zurĂŒck.
Contents
âą FrĂŒhe Jahre
âą Familie
âą Premierminister
âą Memoiren 2019
âą AuĂenminister
âą Werke
âą Literatur
âą Weblinks
âą FuĂnoten
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FrĂŒhe Jahre
David Cameron wuchs als drittes von vier Kindern in Peasemore (Berkshire) in England auf. Seine Mutter ist Mary Fleur Mount, eine Tochter von Sir William Malcolm, dem zweiten Baronet Mount. Sein Vater Ian Donald Cameron (1932â2010) arbeitete als Börsenmakler und war eine Zeitlang Chairman des prestigetrĂ€chtigen Londoner Whiteâs Club.
David Cameron verbrachte seine Schulzeit auf zwei renommierten privaten Schulen: zunĂ€chst auf der Heatherdown School, einer Vorbereitungsschule in Winkfield (nahe Ascot), und dann am Eton College. Sein frĂŒhes Interesse galt der Kunst. Nach einem Gap Year, in dem er in Hongkong fĂŒr Jardine Matheson Holdings und als Assistent fĂŒr den konservativen Abgeordneten Tim Rathbone (1933â2002) arbeitete, studierte er am Brasenose College an der University of Oxford. WĂ€hrend seines Studiums war er Mitglied der exklusiven Studentenvereinigung Bullingdon Club; politischen Debattierclubs trat er nicht bei.cite-ref-3[3]
Einer seiner Professoren, Vernon Bogdanor, bezeichnete ihn als einen seiner fĂ€higsten Studenten und beschrieb seine politischen Ansichten als die eines gemĂ€Ăigten und vernĂŒnftigen Konservativen.cite-ref-4[4] 1988 beendete Cameron sein Studium in dem interdisziplinĂ€ren Studiengang PPE (Philosophy, Politics and Economics) mit Auszeichnung.
Von 1988 bis 1992 arbeitete Cameron im Conservative Research Department der Conservative Party, das damals weithin als eine Kaderschmiede fĂŒr zukĂŒnftige konservative FĂŒhrungskrĂ€fte galt; zustĂ€ndig war er fĂŒr den Bereich Trade and Industry, Energy and Privatisation (Handel und Industrie, Energie und Privatisierung). Seine Aufgaben umfassten dabei auch das Redenschreiben und die Vorbereitung auf öffentliche Auftritte von Kabinettministern. 1991 arbeitete er auch im Beratungsteam von Premierminister John Major in der Downing Street, um diesen fĂŒr die damals noch zweimal wöchentlich stattfindenden Prime Ministerâs Questions mit Material vorzubereiten. AuĂerdem wurde er spĂ€ter persönlicher Berater der Regierung unter John Major, zunĂ€chst als Berater des britischen Schatzamtes unter Norman Lamont; in dieser Zeit ereignete sich die Pfundkrise am âSchwarzen Mittwochâ 1992, welche Majors Regierung einen schweren Schlag versetzte.cite-ref-5[5] Danach folgte eine Zeit im britischen Innenministerium fĂŒr Michael Howard. In dieser Zeit freundete sich Cameron mit anderen aufstrebenden jungen Tories wie Ed Vaizey, Steve Hilton und Edward Llewellyn an.
1994 wechselte Cameron in die Wirtschaft. Von 1994 bis 2001 war er beim Medienunternehmen Carlton Communications tÀtig und stieg innerhalb von zwei Jahren zum Director of Corporate Affairs auf. Bis August 2005 war er Manager bei Urbium plc, einem Unternehmen, das eine Kette von Bars namens 'Tiger Tiger' betreibt. Im Juni 2001 wurde er ins britische Unterhaus gewÀhlt.
Familie
David Cameron heiratete am 1. Juni 1996 Samantha Sheffield (* 1971). Mit ihr hat er vier Kinder, von denen der 2002 geborene Sohn Ivan an zerebraler KinderlĂ€hmung und schwerer Epilepsie litt und am 25. Februar 2009 im Alter von sechs Jahren starb. Ivan galt als privater Mittelpunkt fĂŒr Cameron und seine Familie. Ungewöhnlich öffentlich nahmen auch das britische Unterhauscite-ref-6[6] sowie weite Teile der Bevölkerung an der Trauer der Familie Anteil.
Sowohl David Cameron, der ein Nachfahre von Wilhelm IV. ist, als auch seine Frau Samantha, deren Abstammung auf König Karl II. zurĂŒckgeht, sind weitlĂ€ufig mit dem britischen Königshaus verwandt und gehören der englischen Landeskirche Church of England an.
Politische Karriere
Cameron bewarb sich 1997 erstmals um ein Mandat im Unterhaus und trat dabei als Kandidat der Conservative Party fĂŒr den umkĂ€mpften Wahlkreis Stafford an. Er unterlag dem Kandidaten der Labour Party David Kidney. FĂŒr die Wahl 2001 gelang es ihm, im Wahlkreis Witney, Oxfordshire, einem traditionell konservativ dominierten Wahlkreis, als Nachfolger von Shaun Woodward, der zu Labour gewechselt war, fĂŒr die Konservativen zu kandidieren. Er gewann diesen Wahlkreis sowohl bei der Unterhauswahl im Juni 2001 als auch bei spĂ€teren Wahlen mit einer komfortablen Mehrheit.
In Bezug auf die BefĂŒrwortung des Irakkrieges folgte Cameron, wie auch in anderen Fragen, der offiziellen Parteilinie. Anders als seine langjĂ€hrigen Freunde und engen VerbĂŒndeten Michael Gove und George Osborne, die beide den Krieg und die neokonservative Agenda voll unterstĂŒtzten, schwenkte Cameron erst nach anfĂ€nglichem Zögern auf die Linie der Blair-Regierung und der konservativen FĂŒhrung. Seine Entscheidung begrĂŒndete er damit, dass er die special relationship zwischen den USA und GroĂbritannien, die er fĂŒr âinstrumentalâ fĂŒr den Fortbestand der NATO und die Friedensordnung nach 1945 hielt, anderenfalls fĂŒr gefĂ€hrdet ansah. Cameron hielt seine erste Rede im House of Commons noch im Juni 2001 und wurde auch schon im Juni 2003 Mitglied des Schattenkabinetts und Shadow Deputy Leader of the House of Commons. 2004 wurde er zu einem fĂŒhrenden Schattenminister ernannt. Am Entwurf des Wahlmanifests 2005 der Tories war er maĂgeblich beteiligt. Nach der Wahlniederlage der Konservativen bei der Unterhauswahl ĂŒbernahm er einen kultusminister-Ă€hnlichen Posten im Schattenkabinett. Sein Hauptaugenmerk richtete er auf Reformen im Schulsystem.
Wahl zum ParteifĂŒhrer
Nach dem Sieg der Labour Party bei der Unterhauswahl im Mai 2005 gab der konservative ParteifĂŒhrer Michael Howard seinen RĂŒcktritt bekannt. Er legte den Termin fĂŒr die Wahl seines Nachfolgers zunĂ€chst auf Anfang Dezember, um Zeit fĂŒr eine Reform des komplizierten Wahlverfahrens zu gewinnen. Dies konnte er allerdings nicht durchsetzen.
Am 29. September 2005 gab Cameron offiziell seine Kandidatur fĂŒr die ParteifĂŒhrung bekannt. Er wurde dabei von vielen hochrangigen Parteikollegen unterstĂŒtzt, hatte aber vor dem Parteitag der Konservativen Partei Anfang Oktober 2005 keine weitere nennenswerte UnterstĂŒtzung bekommen. Ein bedeutender Wendepunkt seines innerparteilichen Wahlkampfes war seine Nominierungsrede auf dem Parteitag selbst. Neben seinem Versprechen, die inhaltliche Aufstellung und die damit einhergehende Wahrnehmung der Partei als elitĂ€r und altmodisch zu modernisieren, verbreiterte sein Verzicht auf einen Teleprompter und jegliche Notizen nach EinschĂ€tzung der BBC seine Stimmbasis in erheblichem Umfang.cite-ref-7[7] Auch bei spĂ€teren bedeutenden AnlĂ€ssen (zum Beispiel Parteitagen) sprach Cameron frei.
Im Laufe des Wahlkampfes zum Parteichef geriet Cameron wegen angeblichen frĂŒheren Drogenkonsums unter Druck. Als er am Rande einer Konferenz gefragt wurde, ob er Drogen genommen habe, antwortete er, er habe ânormaleâ Erfahrungen auf der UniversitĂ€t gemacht. Als er wĂ€hrend der BBC-Sendung Question Time zu einer Antwort gedrĂ€ngt wurde, bestand er darauf, dass jeder das Recht habe, in seiner Jugend Fehler zu machen, und Anspruch auf ein Privatleben vor der politischen Karriere habe.cite-ref-8[8] Er merkte zudem an, dass Mitglieder des regierenden Labour-Kabinetts auf solche Fragen auch nicht antworteten. Auch Camerons sozialer Hintergrund sorgte wĂ€hrend des Wahlkampfes fĂŒr GesprĂ€chsstoff und wurde immer wieder mit der Aufsteigervita seines Rivalen David Davis verglichen.
Im ersten Wahlgang am 18. Oktober 2005 erzielte Cameron mit 56 Stimmen zwar ein besseres Ergebnis als erwartet, lag aber dennoch hinter David Davis, der 62 Stimmen erhielt. Im zweiten Wahlgang am 20. Oktober 2005 gewann Cameron haushoch gegen Davis. Daraufhin wurde nun eine Urwahl durchgefĂŒhrt, bei der alle Parteimitglieder wahlberechtigt waren. Cameron erhielt mehr als doppelt so viele Stimmen wie Davis.
Cameron wurde am 6. Dezember als ParteifĂŒhrer der Konservativen und gleichzeitig als OppositionsfĂŒhrer vereidigt. Mit nur vier Jahren im Parlament war er der dienstjĂŒngste Abgeordnete nach William Pitt dem JĂŒngeren, der jemals die FĂŒhrung einer groĂen britischen Partei ĂŒbernahm. Als OppositionsfĂŒhrer wurde er Mitte Dezember 2005 zum Mitglied des Privy Council ernannt.
Premierminister
Bei der Unterhauswahl am 6. Mai 2010 wurde Camerons Conservative Party die stÀrkste politische Kraft, erhielt aber keine absolute Mehrheit der Sitze. Es gab erstmals seit 1974 wieder ein hung parliament: Die stÀrkste Partei kann nicht aus eigener Kraft regieren, sondern ist auf einen Koalitionspartner angewiesen.cite-ref-9[9] Sowohl Cameron als auch Amtsinhaber Gordon Brown nahmen Koalitionsverhandlungen mit den Liberal Democrats auf.
Brown erklĂ€rte am 11. Mai die Verhandlungen der Labour Party mit den Liberaldemokraten fĂŒr gescheitert und reichte sein RĂŒcktrittsgesuch ein. Noch am selben Tag wurde Cameron von Elisabeth II. zum Premierminister ernannt und mit der Regierungsbildung beauftragt.cite-ref-10[10] Er bildete das Kabinett Cameron I.
Bei der Unterhauswahl am 7. Mai 2015 erreichten die Konservativen unter Camerons FĂŒhrung entgegen allen Prognosen und Meinungsumfragen vor der Wahl knapp die absolute Mehrheit der Parlamentssitze (bei einem Stimmenanteil von 36,9 %). Cameron konnte nach der Wahl eine nur aus Konservativen bestehende neue Regierung bilden.
Nachdem beim Referendum am 23. Juni 2016 51,89 % der Abstimmenden fĂŒr den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EuropĂ€ischen Union votiert hatten, kĂŒndigte der Premierminister an, bis zum Oktober 2016 zurĂŒckzutreten.cite-ref-11[11]cite-ref-12[12]
Darauf meldeten Stephen Crabb, Liam Fox, Michael Gove, Andrea Leadsom und Theresa May aus der Fraktion ihre Kandidatur fĂŒr das Amt des Premierministers an. Das 1922-Komitee organisierte den Ablauf der Wahl. Am 5. und 7. Juli 2016 fanden VorwahlgĂ€nge innerhalb der Fraktion statt. Fox, Gove und Crabb schieden aus.cite-ref-13[13] Leadsom zog ihre Kandidatur am 11. Juli 2016 zurĂŒck und ermöglichte so Theresa Mays Amtsantritt als Premierministerin ohne parteiinterne Wahl.cite-ref-14[14] Am 13. Juli beantwortete David Cameron letztmals die Prime Ministerâs Questions im Unterhaus.cite-ref-15[15] AnschlieĂend trat er als Premierminister zurĂŒck; Theresa May wurde am selben Tag zu seiner Nachfolgerin ernannt.cite-ref-16[16] Nach dem FĂŒhrungswechsel kehrte Cameron auf die backbenches zurĂŒck.cite-ref-17[17]
Politische Standpunkte
Cameron beschrieb sich selbst vor seiner Wahl zum Premierminister als âmodernen, mitfĂŒhlenden Konservativenâ. Er plĂ€dierte fĂŒr einen politischen Stilwechsel und Ă€uĂerte, er habe vom Hin und Her der Regierung von Gordon Brown (2007â2010) genug.
Um die PopularitĂ€t der Conservative Party zu steigern, sollte ihr Schwerpunkt in Zukunft auf fĂŒr britische Konservative bislang eher untypischen Themen wie beispielsweise Umweltschutz liegen. In gesellschaftspolitischen Fragen gilt Cameron als liberaler als seine AmtsvorgĂ€nger, vor allem bezĂŒglich des Themas HomosexualitĂ€t. Cameron unterstĂŒtzte 2004 bei einer Abstimmung im Parlament den Civil Partnership Act (die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften â siehe HomosexualitĂ€t im Vereinigten Königreich). Cameron nahm Bezug auf das berĂŒhmte Zitat von Margaret Thatcher, dass es so etwas wie Gesellschaft nicht gebe (âthere is no such thing as societyâ) und betonte wiederholt, dass es Gesellschaft sehr wohl gebe, sie aber nicht mit dem Staat gleichzusetzen sei (âThere is such a thing as society. Itâs just not the same thing as the state.â).
Cameron setzte sich auch fĂŒr einen Ausbau der gesetzlichen Krankenversicherung, einen Umbau des National Health Service und eine flexible Einwanderungspolitik ein.
Im Juli 2005 sagte er in einer Rede vor der Denkfabrik Zentrum fĂŒr Soziale Gerechtigkeit, die gröĂte Herausforderung, der sich GroĂbritannien stellen mĂŒsse, sei nicht die BewĂ€ltigung der wirtschaftlichen, sondern die BewĂ€ltigung der gesellschaftlichen Probleme. Cameron bezeichnete sein Konzept als Big Society. Um die âkrankende Gesellschaftâ GroĂbritanniens wieder aufzubauen, wolle er traditionelle Werte, ehrenamtliche Arbeit und soziale Einrichtungen fördern. So sollten Probleme bekĂ€mpft werden, von denen so viele Gemeinden betroffen waren, wie heruntergekommene öffentliche Anlagen, schlechte WohnverhĂ€ltnisse, zerrĂŒttete Familien, Drogenmissbrauch und hohe KriminalitĂ€t. Zuvor hatte er gesagt, die Konservativen sollten Kurse fĂŒr Eltern unterstĂŒtzen, die ihre Kinder nicht ausreichend fördern. Diese sollten vorzugsweise von ehrenamtlichen Mitarbeitern angeboten werden.
Camerons Erfolg bei der Wahl zum ParteifĂŒhrer der Konservativen kann darauf zurĂŒckgefĂŒhrt werden, dass ihm zugetraut wurde, frischen Wind in die Partei zu bringen, so wie Tony Blair (Premierminister 1997â2007) das seinerzeit in der Labour Party getan hatte. Nicht nur aufgrund seiner Jugend und Unerfahrenheit wurde Cameron wiederholt mit dem jungen Tony Blair verglichen; auch bei seinen rhetorischen FĂ€higkeiten, der PrĂ€sentation von Inhalten und in puncto Selbstdarstellung als unkonventioneller Politiker einer neuen Generation seien Parallelen zu Blair erkennbar. Beide haben Gemeinsamkeiten abgestritten, indem sie auf die Unterschiede ihrer politischen Ăberzeugung, beispielsweise hinsichtlich Europapolitik oder Steuerpolitik, hinwiesen.
Der zum konservativen FlĂŒgel der Church of England gehörende Peter Hitchens kritisierte 2005, Cameron habe die letzten Unterschiede zwischen seiner Partei und der etablierten Linken abgeschafft.cite-ref-18[18]
EuropÀische Union
Zu Beginn seiner Amtszeit unterstĂŒtzte Cameron einen EU-Beitritt der TĂŒrkei.cite-ref-19[19]
Im Zuge der Finanzkrise des EU-Mitglieds Griechenland vertrat Cameron nachdrĂŒcklich die Position, dass das Vereinigte Königreich dem Euro nicht beigetreten und deshalb auch nicht verpflichtet sei, Geld fĂŒr Griechenland zur VerfĂŒgung zu stellen (auĂer durch den IWF).cite-ref-20[20]
Nach Camerons eigenen Angaben (in der 2019 ausgestrahlten BBC-Dokumentation The Cameron Years) verhĂ€rtete sich seine Position gegen einige EU-Partner am 8. Dezember 2011, was ihn letztendlich zum Versprechen eines Brexit-Referendums fĂŒhrte. An diesem 8. Dezember hatten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy eine Ănderung des Lissabon-Vertrags gefordert, um den Euro zu stabilisieren. Cameron wollte dem nur zustimmen, wenn die anvisierte VertragsĂ€nderung auch britische Interessen berĂŒcksichtige, was Merkel und Sarkozy ablehnten. Cameron legte daraufhin sein Veto gegen eine Ănderung des Lissabonvertrages ein. Trotzdem vereinbarte eine Mehrheit der EU-LĂ€nder einen Untervertrag zur Stabilisierung des Euros. In Camerons Worten bedeutete dieses Ignorieren eines Vetos, dass die âLage des Vereinigten Königreiches in der EU eigentlich zutiefst instabilâ war. Aufgrund dieser Erfahrung kam Cameron ĂŒber Weihnachten 2011 zum Schluss, dass âwir in der Tat versuchen mussten, die InstabilitĂ€t von GroĂbritanniens Position innerhalb der EU zu ankern, sichern und ordnen, und ich traf die Entscheidung, dass es Zeit war, sich in Richtung eines Referendums zu bewegen.âcite-ref-21[21]cite-ref-22[22]
In einer Rede am 23. Januar 2013 kritisierte Cameron die hohen Schulden, die âmangelnde KonkurrenzfĂ€higkeitâ, die âDenkverboteâ und das âsinkende Vertrauen der Menschen in die Institutionen BrĂŒsselsâ und kĂŒndigte eine Neuverhandlung der britischen EU-VertrĂ€ge und einen anschlieĂenden Volksentscheid zum Verbleib GroĂbritanniens in der EU an.cite-ref-23[23] Er betonte in seiner Rede allerdings auch die groĂen Errungenschaften der europĂ€ischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg, schilderte (an die Adresse der britischen EU-Skeptiker gewandt) eindringlich die gravierenden Konsequenzen, die ein EU-Austritt fĂŒr das UK haben wĂŒrde, und Ă€uĂerte die Hoffnung, dass es nicht dazu kommen möge. Die ĂuĂerungen stieĂen bei den Partnern in der EU ganz ĂŒberwiegend auf UnverstĂ€ndnis; bei Europaskeptikern fanden sie vereinzelt Beifall.cite-ref-24[24]cite-ref-25[25] In GroĂbritannien selbst wurde die Rede von AnhĂ€ngern der Konservativen Partei sowie von Vertretern der UK Independence Party (UKIP) begrĂŒĂt, wĂ€hrend sie von den Liberaldemokraten, u. a. deren Vorsitzendem und Minister im Kabinett Cameron I Nick Clegg, und fĂŒhrenden Labour-Politikern wie Peter Mandelson deutlich kritisiert wurde.
Der Historiker Dominik Geppert schrieb 2013, die negative Rezeption von Camerons VorschlĂ€gen auĂerhalb seines eigenen Landes sei ein Indiz fĂŒr den hohen emotionalen Gehalt der EU in anderen Staaten: âUnterschwellig fremdelten viele in Deutschland schon deswegen mit den AusfĂŒhrungen des Premierministers, weil Cameron sich ausdrĂŒcklich dazu bekannte, die EU sei fĂŒr die Briten eine praktische und keine emotionale Angelegenheit. Die Union sei ein Mittel zum Zweck von mehr Wohlstand, StabilitĂ€t, Freiheit und Demokratie in Europa, aber kein Ziel an sich. Jede Sakralisierung der europĂ€ischen Einigung ist den Briten fremdâ.cite-ref-26[26]
Im Vorfeld des Brexit-Referendums Ă€uĂerte Cameron 2016, ein Beitritt der TĂŒrkei in die EuropĂ€ische Union werde âwahrscheinlich um das Jahr 3000 herumâ stattfinden.cite-ref-27[27]
Multikulturalismus
In einer Rede auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz am 5. Februar 2011cite-ref-28[28] erklĂ€rte Cameron den âstaatlichen Multikulturalismusâ fĂŒr gescheitert, der zu Segregation, Separatismus und schlieĂlich islamistischem Extremismus und Terrorismus gefĂŒhrt habe. Stattdessen plĂ€dierte er fĂŒr eine âgemeinsame nationale IdentitĂ€tâ.cite-ref-29[29] Er forderte einen âaktiven und starken Liberalismusâ und kĂŒndigte an, gegen âislamistische, terrorfördernde Organisationenâ stĂ€rker vorzugehen.cite-ref-30[30] Cameron hatte bereits im Februar 2006 deutliche Kritik an der Idee geĂŒbt, dass âwir innerhalb Britanniens unterschiedliche Kulturen in einem MaĂ respektieren sollten, dass wir ihnen erlauben â und sie sogar dazu ermutigen â getrennt voneinander zu leben, untereinander abgesondert und abgesondert vom Mainstreamâ, und diese Idee als âStaats-Multikulturalismusâ bezeichnet. Speziell kritisierte er dabei den VorstoĂ von Rowan Williams, dem Erzbischof von Canterbury, der sich fĂŒr eine Erweiterung der Schariâa innerhalb des britischen Rechtssystems ausgesprochen hatte, und er behauptete, dieser âStaats-Multikulturalismusâ habe zum Verschwinden von SchĂŒlerinnen in Bradford und deren Zwangsverheiratung gefĂŒhrt. Der âStaats-Multikulturalismusâ habe zu finanziellen Zuwendungen fĂŒr kĂŒnstlerische und andere Projekte aufgrund ethnischer HintergrĂŒnde gefĂŒhrt, wobei es verschiedene Gruppen gebe, die vorgĂ€ben, bestimmte Minderheiten zu reprĂ€sentieren, dabei jedoch untereinander um Geld konkurrierten. Der âStaats-Multikulturalismusâ verfĂŒhre die Leute dazu, verschiedene kulturell begrĂŒndete Verhaltensweisen zu tolerieren, selbst wenn diese mit den Menschenrechten nicht vereinbar seien.cite-ref-31[31]
Verwicklung in die Panama-Papers-AffÀre
Anfang April 2016 gab Cameron in einem an der University of Exeter aufgezeichneten Fernsehinterview an, am Blairmore Investment Trust beteiligt gewesen zu sein. Die nach dem ehemaligen Familiensitz der Camerons in Schottland benannte Briefkastenfirma war von seinem verstorbenen Vater gegrĂŒndet worden und wickelte in Steueroasen Firmenpapiere ab, um britische Steuern zu vermeiden. Der Name von Camerons Vater war in den sogenannten âPanama Papersâ aufgetaucht, deren Veröffentlichung unter anderem den islĂ€ndischen Premierminister Sigmundur DavĂð Gunnlaugsson zum RĂŒcktritt gezwungen hatte. Cameron gab an, er habe gemeinsam mit seiner Ehefrau bis Januar 2010 Anteile im Wert von etwa 30.000 Pfund (ca. 37.000 Euro) an dem Trust besessen, diese aber vor seinem Amtsantritt als Premierminister verkauft und versteuert. Einige Labour-Abgeordnete forderten seinen RĂŒcktritt,cite-ref-32[32] und auch die britische konservative Presse kritisierte Camerons Aussagestrategien bezĂŒglich seiner Beteiligung an der Briefkastenfirma.cite-ref-33[33] Unter dem Druck der öffentlichen Meinung machte Cameron am 10. April 2016 seine SteuererklĂ€rungen aus den Jahren 2009 bis 2016 öffentlich.cite-ref-34[34] Dabei wurde offenbar, dass er nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2010 neben einer Erbschaft von 300.000 Pfund Sterling ein Geschenk von 200.000 Pfund von seiner Mutter erhalten hatte. Als ErklĂ€rung hierfĂŒr gab Cameron an, dass diese Zahlung ein Ausgleich dafĂŒr gewesen sei, dass sein Ă€lterer Bruder das Familienhaus in Peasemore geerbt habe. Spekulationen kamen auf, dass damit möglicherweise die Zahlung von zusĂ€tzlicher Erbschaftssteuer vermieden worden sei; Steuerexperten Ă€uĂerten aber, dass dieses Urteil ohne Kenntnis der Details nicht gerechtfertigt sei und dass beispielsweise das Geschenk auch aus dem Privatvermögen von Camerons Mutter erfolgt sein könne.cite-ref-35[35]
RĂŒckzug aus der aktiven Politik und danach
Am 12. September 2016 trat Cameron als Abgeordneter fĂŒr den Wahlkreis Witney zurĂŒck. Als frĂŒherer Premierminister werde er nicht als einfacher HinterbĂ€nkler im Unterhaus wahrgenommen. Er unterstĂŒtze zwar grundsĂ€tzlich voll die Politik seiner Amtsnachfolgerin Theresa May, wĂ€re aber in den Angelegenheiten, in denen er eine andere Meinung vertrete, fĂŒr die Regierung âeine stĂ€ndige Ablenkungâ (âa big distraction and a big diversionâ), was er nicht sein wolle.cite-ref-36[36] Er wurde zum Steward and Bailiff of the Manor of Northstead ernannt und verlor auf diese Weise seinen Sitz im Unterhaus.cite-ref-37[37] Sein Nachfolger Robert Courts verteidigte den Wahlkreis Witney fĂŒr die Conservative Party, jedoch bei deutlich reduzierter Mehrheit.cite-ref-38[38] Am 16. Januar 2019 sagte Cameron in einem kurzen Interview mit der BBC, er bedaure es nicht, âdas Referendum zum EU-Austritt veranlasstâ zu haben. Dies sei ein Wahlversprechen gewesen und alle Parteien hĂ€tten sich dafĂŒr ausgesprochen. Er bedaure aber sehr den Ausgang des Referendums und die Schwierigkeiten, die die Regierung bei dessen Umsetzung habe.cite-ref-39[39] Im Februar 2020 lehnte Cameron ein Angebot von Premierminister Boris Johnson ab, im November 2020 die UN-Klimakonferenz in Glasgow 2020 als britischer ReprĂ€sentant zu leiten.cite-ref-40[40]
Memoiren 2019
Am 15. September 2019 wurden erste AuszĂŒge aus Camerons Memoiren in der Sunday Times veröffentlicht. In diesen AuszĂŒgen rechnete Cameron besonders mit einigen seiner ehemaligen politischen WeggefĂ€hrten und Freunden ab.cite-ref-41[41]cite-ref-42[42]cite-ref-43[43] Dies war zum einen der amtierende Premierminister Boris Johnson, zum anderen Vize-Premierminister Michael Gove, mit dem Cameron jahrelang eng befreundet war. Beide seien âBotschafter fĂŒr das Zeitalter des Populismus, das mit der Negierung von Expertenmeinungen und Verzerrung der Wahrheitâ einhergehe. Johnson, so Cameron, habe sich der Brexit-Kampagne ausschlieĂlich aus persönlichen KarrieregrĂŒnden und nicht aus innerer Ăberzeugung angeschlossen. Angesichts der vielen patriotisch-romantischen Bilder, die durch die Vertreter der Leave-Kampagne bemĂŒht worden seien (RĂŒckgewinnung der UnabhĂ€ngigkeit GroĂbritanniens) habe Johnson die Vorstellung nicht ertragen, dass jemand anders als er, gewissermaĂen als Liebling der Konservativen Partei, das Vereinigte Königreich aus der EU fĂŒhren könnte. Johnson glaubte aber nicht an den Erfolg der Leave-Kampagne oder an den Brexit, sondern habe ihm gegenĂŒber sogar ein zweites Referendum vorgeschlagen. Bei Michael Gove habe ihn [Cameron] vor allem dessen IlloyalitĂ€t schockiert. Gove, den Cameron als âĂŒberschĂ€umenden Faragistenâ bezeichnete, habe sich nicht nur illoyal ihm gegenĂŒber verhalten, sondern spĂ€ter auch gegenĂŒber Johnson, indem er selbst nach dem Amt des Premierministers strebte.cite-ref-44[44] Seinen RĂŒcktritt erklĂ€rte Cameron als unabwendbar aufgrund des verlorenen Referendums; da er zuvor fĂŒr einen Verbleib geworben hatte und die EU weitere Konzessionen nicht machen wollte, sei es fĂŒr ihn unausweichlich gewesen zurĂŒckzutreten und einem Parteifreund das Amt zu ĂŒberlassen, der GroĂbritannien aus der EU herausfĂŒhre.cite-ref-45[45]
AuĂenminister
Am 13. November 2023 kehrte er in die aktive Politik zurĂŒck und wurde AuĂenminister im Kabinett Sunak.cite-ref-46[46]cite-ref-47[47] Da er keinen Sitz im Unterhaus hatte, wurde er mit Letters Patent vom 17. November 2023 als Baron Cameron of Chipping Norton, of Chipping Norton in the County of Oxfordshire, zum Life Peer erhoben und erhielt so einen Sitz im Oberhaus,cite-ref-tlg-1-1[1] in das er am 20. November eingefĂŒhrt wurde.cite-ref-48[48]cite-ref-49[49]cite-ref-0-50-0[50]cite-ref-51[51]
Cameron erklĂ€rte noch am Tag seiner Ernennung, dass er von allen geschĂ€ftlichen und wohltĂ€tigen Ămtern, auch von dem des PrĂ€sidenten der Alzheimerâs Research UK, zurĂŒckgetreten sei.cite-ref-52[52]
Parteifreunde wie der frĂŒhere ParteifĂŒhrer Iain Duncan Smith und der Unterhausabgeordnete Tim Loughton, die von der Volksrepublik China wegen ihrer kritischen Haltung sanktioniert sind, kritisierten Camerons NĂ€he zur FĂŒhrung in Peking und forderten ihn auf, eine ârealistischere Positionâ in Fragen der Menschenrechte und der Initiative Neue SeidenstraĂe einzunehmen.cite-ref-53[53] Cameron sei âdas lĂ€chelnde Gesicht chinesischer Interessen im Indopazifikâ. Er hatte im September 2023 an einer bedeutenden Investorenkonferenz im Nahen Osten teilgenommen, bei der es um Werbung fĂŒr das Colombo Port City Projekt ging. Bei dem von Peking initiierten und ĂŒberwiegend finanzierten Hafenausbauplan geht es darum, Singapur und Dubai Konkurrenz zu machen.cite-ref-54[54]
Seine erste Auslandsreise fĂŒhrte ihn am 16. November 2023 nach Kiew, Ukraine, wo er vom ukrainischem PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj empfangen wurde.cite-ref-55[55]
Nach der politischen Karriere
Am 23. November 2025 gab Cameron bekannt, dass bei ihm eine Prostata-Krebs-Erkrankung diagnostiziert wurde.cite-ref-itv-2025-11-23-56-0[56] Bei einer Operation im Juni soll der Krebs mutmaĂlich erfolgreich entfernt worden sein.cite-ref-itv-2025-11-23-56-1[56]
Werke
âą David Cameron: For the Record. William Collins, London 2019, ISBN 978-1-78517-659-3.
Literatur
âą Francis Elliott & James Hanning: Cameron: Practically a Conservative. Fourth Estate, London 2012, ISBN 978-0-00-743642-2.
âą Simon Lee & Matt Beech: The Cameron-Clegg Government: Coalition Politics in an Age of Austerity. Palgrave Macmillan, London 2011, ISBN 978-0-230-29644-2.
âą Anthony Seldon & Peter Snowdon: Cameron at 10: The Verdict. William Collins, London 2016, ISBN 978-0-00-757553-4.
Weblinks
Commons
: David Cameron
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą www.davidcameronmp.com (Memento vom 23. September 2011 im Internet Archive)
âą offizielle Seite Camerons bei der Conservative Party (Memento vom 27. MĂ€rz 2014 im Internet Archive)
âą Tim Shipman: Cameronâs historic blunder: Fury as PM says we were âjunior partnerâ to Americans in 1940; Mail-Online, 22. Juli 2010
FuĂnoten
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